DIE STUNDE DES COWBOYS

A bit to the east of Western

Text: Magdalena Kröner (2006)

„(…) Vielleicht liegt die Hoffnung auf Wiederbelebung des Patienten Cowboy ja im grüblerischen Europa. Was die hier vorzustellende Deutschen angeht, die Richtung Westen blicken, ist neben Ironie ein ausgeprägtes Interesse mit im Spiel, die abgelegten Rollen noch einmal auf Resttauglichkeit zu überprüfen.
Western aus deutscher Sicht ist notwendigerweise Appropiation Art: So tun als ob als künstlerische Strategie.

So führt es zum Beispiel der Berliner Christoph Dettmeier vor, der bewaffnet mit Diakarussell, Flachmann und Mono-Kassettenrecorder Musik von selbst gewählten Helden wie Johnny Cash oder Bonnie „Prince“ Billy zum Besten gibt, indem er deren Songs vom Band mitsingt.

Emphase oder Trash? Ambivalenzen sind gern gesehen bei Dettmeiers Country Karaoke Show, die von Aschaffenburg bis zur Berliner Volksbühne gut besucht wird – wenn nötig auch ein paar Stunden lang. Dettmeiers Tour de Force gleicht nämlich eher einem gemächlichen Verfertigen der Gedanken denn einem wilden Ritt in die Weite, mit Rauchpausen und technischen Pannen. Und wenn es diesem Ruhrgebiets-Westerner reicht mit Held-Spielen, findet er sein Nirwana im Wasser, in das er in voller Montur hineinspringt.
This Corrosion (2002) ist wie ein feuchter Traum nach einem langen Ritt mit Sand in den Augen, begleitet nur von ein Tumbleweeds und der Sehnsucht im Herzen.

Wenn er gerade nicht deklamiert oder im Wasser schwebt, fügt Dettmeier dem Mythos neue, seltsame Bausteine hinzu. Lässt Blackriders und Ghostriders durch Mondlandschaften reiten, die er in der Haldenlandschaft des Ruhrgebiets findet. Tanzt, gestiefelt und gespornt, einen einsamen und komischen Reigen mit sich selbst, einen Walzer auf den leeren Gräben seiner Helden. Baut winzig kleine Westernstädte, die riesig erscheinen, weil jede Bezugsgröße fehlt. (…)“





„Auf dem Rücken Amerikas.“

Text: Hannes Böhringer, Verlag: Merve Berlin

„(…) Der Western ist ein Tanzfest auf der Grabplatte der Helden: Ballade und Ballett. Das Lied handelt von Jesse James, John Hardy oder dem sterbenden Cowboy auf der Straße von Laredo. Schrecken und Schwertmut werden hinweggetanzt.

Wie der Tanz hat der Western seine strenge Form und Choreografie. Die Figuren und ihre Bewegungen sind vorgegeben. Man erkennt sie sofort und sieht ihre nächsten Schritte voraus.

Der Reiz liegt in der leichten Variation des Schemas, in der Ausfüllung der choreografischen Form durch ein Minimum an Psychologie, Plausibilität und Realismus, in der Haftung des Mythos an einer geschichtlichen Epoche, im Rhythmus von Bewegung und Ruhe, von Tragik und Komik. Im Kern ist der Western Musik, (…)“



„ An den Grenzen des Irrealen: Der Western“

Text: Sergio Leone

„Das Interesse des Publikums am Western hat Wurzeln, die Tief in die Vergangenheit reichen. Von den Gesängen Homers spannt sich der Bogen über die Heldensagen des Mittelalters bis zu den sizilianischen Trivialdramen der Paladini di Francia. (…)

Das Ausmaß der Faszination des Zuschauers ist proportional zu dem Talent des Regisseurs, die Grenzen zum Irrealen auszudehnen, ohne sich in die Bereiche des Absurden oder des Surrealen zu verirren.
Wie alle Fabelkünste hat der Western seine festen Regeln von Punkt und Kontrapunkt, wie das klassische Ballett hat er seinen Katalog von Rhythmen und Positionen. Seine wichtigsten Mühen wendet der Regisseur darauf, den Darstellern die richtigen Bewegungen, Gangarten und Blicke beizubringen.“